Text der Ode „An die Freude“ mit Worterklärungen in der frühen Fassung (1785)

An die Freude

 Freude, schöner Götterfunken,
 Tochter aus Elysium1,
 Wir betreten feuertrunken
 Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,
 Was der Mode Schwert geteilt;
 Bettler werden Fürstenbrüder,
 Wo dein sanfter Flügel weilt.

 Chor
 Seid umschlungen, Millionen!
10 Diesen Kuß der ganzen Welt!
 Brüder – überm Sternenzelt
 Muß ein lieber Vater wohnen.

 Wem der große Wurf gelungen,
 Eines Freundes Freund zu sein;
15 Wer ein holdes Weib errungen,
 Mische seinen Jubel ein!
 Ja – wer auch nur eine Seele
 Sein nennt auf dem Erdenrund!
 Und wers nie gekonnt, der stehle
20 Weinend sich aus diesem Bund!

 Chor
 Was den großen Ring bewohnet,
 Huldige der Sympathie!
 Zu den Sternen leitet sie,
 Wo der Unbekannte thronet.

25Freude trinken alle Wesen
 An den Brüsten der Natur,
 Alle Guten, alle Bösen
 Folgen ihrer Rosenspur.
 Küsse gab sie uns und Reben,
30Einen Freund, geprüft im Tod.
 Wollust ward dem Wurm gegeben,
 Und der Cherub2 steht vor Gott.

 Chor
 Ihr stürzt nieder, Millionen?
 Ahndest du den Schöpfer, Welt?
35Such ihn überm Sternenzelt,
 Über Sternen muß er wohnen.

 Freude heißt die starke Feder
 In der ewigen Natur.
 Freude, Freude treibt die Räder
40In der großen Weltenuhr.
 Blumen lockt sie aus den Keimen,
 Sonnen aus dem Firmament3,
 Sphären rollt sie in den Räumen,
 Die des Sehers Rohr nicht kennt.

 Chor
45Froh, wie seine Sonnen fliegen,
 Durch des Himmels prächtgen Plan,
 Laufet, Brüder, eure Bahn,
 Freudig wie ein Held zum Siegen.

 Aus der Wahrheit Feuerspiegel
50Lächelt sie den Forscher an.
 Zu der Tugend steilem Hügel
 Leitet sie des Dulders Bahn.
 Auf des Glaubens Sonnenberge
 Sieht man ihre Fahnen wehn,
55Durch den Riß gesprengter Särge
 Sie im Chor der Engel stehn.

 Chor
 Duldet mutig, Millionen!
 Duldet für die beßre Welt!
 Droben überm Sternenzelt
60Wird ein großer Gott belohnen.

 Göttern kann man nicht vergelten,
 Schön ists, ihnen gleich zu sein.
 Gram und Armut soll sich melden,
 Mit den Frohen sich erfreun.
65Groll und Rache sei vergessen,
 Unserm Todfeind sei verziehn,
 Keine Träne soll ihn pressen,
 Keine Reue nage ihn.

 Chor
 Unser Schuldbuch sei vernichtet!
70Ausgesöhnt die ganze Welt!
 Brüder – überm Sternenzelt
 Richtet Gott, wie wir gerichtet.

 Freude sprudelt in Pokalen,
 In der Traube goldnem Blut
75Trinken Sanftmut Kannibalen,
 Die Verzweiflung Heldenmut – –
 Brüder, fliegt von euren Sitzen,
 Wenn der volle Römer kreist,
 Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:
80Dieses Glas dem guten Geist.

 Chor
 Den der Sterne Wirbel loben,
 Den des Seraphs4 Hymne preist,
 Dieses Glas dem guten Geist
 Überm Sternenzelt dort oben!

85Festen Mut in schwerem Leiden,
 Hülfe, wo die Unschuld weint,
 Ewigkeit geschwornen Eiden,
 Wahrheit gegen Freund und Feind,
 Männerstolz vor Königsthronen –
90Brüder, gält es Gut und Blut, –
 Dem Verdienste seine Kronen,
 Untergang der Lügenbrut!

 Chor
 Schließt den heilgen Zirkel dichter,
 Schwört bei diesem goldnen Wein:
95Dem Gelübde treu zu sein,
 Schwört es bei dem Sternenrichter!

 Rettung von Tyrannenketten,
 Großmut auch dem Bösewicht,
 Hoffnung auf den Sterbebetten,
100Gnade auf dem Hochgericht!
 Auch die Toten sollen leben!
 Brüder trinkt und stimmet ein,
 Allen Sündern soll vergeben,
 Und die Hölle nicht mehr sein.

 Chor
105Eine heitre Abschiedsstunde!
 Süßen Schlaf im Leichentuch!
 Brüder – einen sanften Spruch
 Aus des Totenrichters Munde!

 

 

aus (c) http://www.friedrich-schiller-archiv.de

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